Mikroplastik: Die Umweltkrise, die längst in unserem Körper angekommen ist
Einleitung
Bilder von vermüllten Stränden, in Netzen verhedderten Schildkröten und Müllinseln im Meer sind längst Teil des öffentlichen Bewusstseins. Weit weniger sichtbar ist jedoch die kleinste Form des Plastikmülls: Mikro- (Partikel <5 mm) und Nanoplastik (<1 µm). Diese Partikel befinden sich längst nicht mehr nur in der Umwelt, sondern auch im menschlichen Körper. Laut einer Studie der Universität Newcastle nimmt der Mensch jede Woche Plastik im Gewicht einer Kreditkarte auf [1, 2]. Diese 5 g gelten als unsichere Schätzung, da die tatsächliche Belastung stark von Ernährung, Lebensstil, Wohnort und Plastikpartikelgröße abhängt [3]. Die Kernaussage jedoch hält bestimmt – Mikroplastik ist allgegenwärtig.
Wie entsteht Mikroplastik?
Freigesetzt durch Reifenabrieb, Abfallentsorgungs-Emissionen, Abrieb von Polymeren und Bitumen aus Asphalt, Verwehungen von Sport- und Spielplätzen oder Faserabrieb von synthetischen Textilien. Kleidung aus Polyester, Fleece oder Nylon verliert sowohl beim Tragen als auch beim Waschen kontinuierlich Mikrofasern.
Besonders Fleece zählt zu den problematischeren Materialien: ein Kilogramm Polyesterfleece kann bei einem einzigen Waschgang bis zu 4,5 Millionen Fasern freisetzen [4]. Dicht gewebte Stoffe wie Nylon setzen dagegen deutlich weniger Fasern frei als gestrickte Materialien [4]. Während häufig die Waschmaschine als Hauptquelle diskutiert wird, zeigen Berechnungen von De Falco et al. [5], dass der Faserabrieb beim täglichen Tragen sogar deutlich größer sein kann: Vier Polyester-Kleidungsstücke geben bei 55 Waschgängen pro Jahr rund 298 Millionen Mikrofasern ins Abwasser ab, während bei etwa acht Stunden Tragedauer pro Tag innerhalb eines Jahres schätzungsweise 1,03 Milliarden Mikrofasern an die Luft freigesetzt werden (das sind mehr als dreimal so viele) [5]. Also, statt dem Fleece-Pullover besser auf Kleidung aus Naturfasern setzen.
Wo kommt Mikroplastik im Alltag vor?
Und das sind nur Quellen, die sich außerhalb von den Räumen, in denen wir uns aufhalten, befinden. Der „westliche” Mensch verbringt aber den Großteil seiner Zeit nicht im Freien, nur 1 % des von Ihnen eingeatmeten Mikroplastiks kommt von draußen. In der Luft von Innenräumen befindet sich deutlich mehr Mikroplastik als im Freien [6], vor allem sind das Textilfasern von Teppich, Möbeln, Vorhängen und auch Hausstaub. Mikroplastik findet sich auch in Nahrung und Trinkwasser. Je nach Ort nimmt eine Person bis zu 6 Millionen Nanopartikel pro Jahr durch Meersalz auf. Übrigens, an Land abgebautes Salz ist weniger belastet als Meersalz [7].
All dies verdeutlicht ziemlich klar: Die Aufnahme von Mikroplastik lässt sich kaum vollständig vermeiden. Regelmäßiges Staubsaugen — idealerweise mit einem HEPA-Filter — sowie der Verzicht auf unnötige Kunststofftextilien können beispielsweise die Belastung in Innenräumen reduzieren, aber nicht eliminieren. Gerade deshalb ist die Vermeidung von Plastikemissionen an der Quelle entscheidend. Individuelle Maßnahmen wie zum Beispiel Plastikverpackungen vermeiden oder Kunststoff in der Küche mit Metall, Holz und Glas ersetzen, können die persönliche Belastung reduzieren. Den größten Effekt hat jedoch, wenn (Mikro-)Plastik gar nicht erst entsteht oder in die Umwelt gelangt.
Was bedeutet das für uns?
Was bedeutet diese Mikroplastik-Belastung für unsere Gesundheit? Mikro- und Nanoplastik-Partikel überwinden die biologische Barrieren wie Darm- oder Blut-Hirn-Schranke und reichern sich im Gewebe an. Dort können sie Entzündungsreaktionen und oxidativen Stress auslösen. Diese Prozesse gelten als möglicher Ausgangspunkt für Gewebeschäden und könnten langfristig zur Entstehung verschiedener Erkrankungen beitragen. Es wird angenommen, dass Kunststoffpartikel das Risiko für Darmkrebs, Schlaganfall und Herzinfarkt erhöhen [8].
Ähnlich ist es für neurologische Erkrankungen: Plastikteilchen schädigen Neuronen durch oxidativen Stress und Entzündungsreaktionen, was zu Neuroinflammation und -degeneration und schließlich zu Parkinson sowie Demenz führen kann [8]. Bei Tieren wurden sogar Verhaltensänderungen nach Mikroplastikexposition beobachtet: Einsiedlerkrebse wählen ihre „Hausmuschel“ schlechter aus [9], Mäuse werden vergesslicher [10], Buntbarsche schneiden im Wasserlabyrinth schlechter ab [11]. Für einen ursächlichen Zusammenhang beim Menschen reicht die Evidenz bislang jedoch nicht aus. Gerade diese wissenschaftliche Unsicherheit macht das Thema relevant: Die Partikel sind nachweislich in unserem Körper vorhanden, ihre langfristigen Auswirkungen werden jedoch erst allmählich verstanden.
Was kann getan werden?
Die größten Eintragsquellen sind strukturelle Belastungen, die sich durch individuelles Verhalten nur begrenzt vermeiden lassen. Jede einzelne kann ihre persönliche Belastung bis zu einem gewissen Grad reduzieren. Den größten Nutzen bringt jedoch die Vermeidung von Mikroplastik an der Quelle. Dafür braucht es politische Maßnahmen, technische Innovationen und wirtschaftliche Anreize, die den Eintrag von Plastik in die Umwelt bereits bei der Produktion und Nutzung verringern. Politisch scheiterten die Vereinten Nationen. Die Verhandlungen über ein globales Plastikabkommen konnten im August 2025 nicht erfolgreich abgeschlossen werden [12].
Widerstand kam — wenig überraschend —von den Erdölnationen Russland, Iran und Saudi-Arabien, die weitreichende Produktionsbegrenzungen ablehnen. Die EU ist hinsichtlich dessen schon fortschrittlicher: Absichtlich zugesetztes Mikroplastik wurde 2023 verboten [13] und ein Verbot bestimmter Einweg-Kunststoffverpackungen ab 2030 wurde beschlossen [14]. (Mikro-)Plastik aber kennt keine Grenzen, Transport über Atmosphäre und Ozean erfolgt über lange Distanzen. Besonders Mikrofasern, die aufgrund ihrer Form lange in der Luft bleiben, können sogar bis in die Stratosphäre transportiert werden. Dort werden sie durch UV-Strahlung abgebaut und dabei kann Chlor und Brom freigesetzt werden, welche wiederum die Ozonschicht beschädigen können [15]. Das (Mikro-)Plastik, welches heute in die Umwelt gelangt, findet sich morgen in Luft, Gewässern und Böden, letztlich in unserem Körper und der sich vielleicht deswegen in ein paar Jahrzehnten im Krankenhaus.
Quellenverzeichnis
1. Senathirajah, K., Attwood, S., Bhagwat, G., Carbery, M., Wilson, S. & Palanisami, T. (2021): Estimation of the mass of microplastics ingested – A pivotal first step towards human health risk assessment. Journal of Hazardous Materials404 (Pt B), 124004. DOI: 10.1016/j.jhazmat.2020.124004
2. WWF / Dalberg (2019): No Plastic in Nature: Assessing Plastic Ingestion from Nature to People. Analyse auf Basis einer von WWF beauftragten und von der University of Newcastle (Australien) durchgeführten Studie. WWF International, Gland.
3. Pletz, M. (2022): Ingested microplastics: Do humans eat one credit card per week? Journal of Hazardous Materials Letters 3, 100071. DOI: 10.1016/j.hazl.2022.100071
4. Vassilenko, E., Watkins, M., Chastain, S., Mertens, J., Posacka, A. M., Patankar, S. & Ross, P. S. (2021): Domestic laundry and microfiber pollution: Exploring fiber shedding from consumer apparel textiles. PLOS ONE 16 (7), e0250346. DOI: 10.1371/journal.pone.0250346
5. De Falco, F., Cocca, M., Avella, M. & Thompson, R. C. (2020): Microfibre Release to Water, Via Laundering, and to Air, via Everyday Use: A Comparison between Polyester Clothing with Differing Textile Parameters. Environmental Science & Technology 54 (6), 3288–3296. DOI: 10.1021/acs.est.9b06892
6. Liao, Z., Ji, X., Ma, Y., Lv, B., Huang, W., Zhu, X., Fang, M., Wang, Q., Wang, X., Dahlgren, R. & Shang, X. (2021): Airborne microplastics in indoor and outdoor environments of a coastal city in Eastern China. Journal of Hazardous Materials 417, 126007. DOI: 10.1016/j.jhazmat.2021.126007
7. Ruan, X., Ao, J., Ma, M., Jones, R. R., Liu, J., Li, K., Ge, Q., Xu, G., Liu, Y., Wang, T., Xie, L., Wang, W., You, W., Wang, L., Valev, V. K., Ji, M. & Zhang, L. (2024): Nanoplastics Detected in Commercial Sea Salt. Environmental Science & Technology 58 (21), 9091–9101. DOI: 10.1021/acs.est.3c11021
8. Spitzer, M. (2026):Plastik im Kopf. Wie Mikropartikel unser Gehirn zerstören. Auf den Spuren einer unterschätzten Bedrohung. Droemer, München. ISBN 978-3-426-57180-4.
9. Crump, A., Mullens, C., Bethell, E. J., Cunningham, E. M. & Arnott, G. (2020): Microplastics disrupt hermit crab shell selection. Biology Letters 16 (4), 20200030. DOI: 10.1098/rsbl.2020.0030
10. Lee, C.-W., Hsu, L.-F., Wu, I.-L., Wang, Y.-L., Chen, W.-C., Liu, Y.-J. et al. (2022): Exposure to polystyrene microplastics impairs hippocampus-dependent learning and memory in mice. Journal of Hazardous Materials 430, 128431. DOI: 10.1016/j.jhazmat.2022.128431
11. Felismino, M. E. L., Chevallier Rufigny, S., Gonzalez-Fleurant, S. E. & Brown, G. E. (2025): Ingestion of polyethylene microplastics impacts cichlid behaviour despite having low retention time. Aquatic Toxicology 279, 107248. DOI: 10.1016/j.aquatox.2025.107248
12. UNEP (2025):Intergovernmental Negotiating Committee on Plastic Pollution – INC-5.2, Genf, 5.–15. August 2025.United Nations Environment Programme. https://www.unep.org/inc-plastic-pollution
13. Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission vom 25. September 2023 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH) hinsichtlich synthetischer Polymermikropartikel. ABl. L 238 vom 27.9.2023, S. 67–88.
14. Verordnung (EU) 2025/40 des Europäischen Parlaments und des Rates über Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR). ABl. L 2025/40. Verbot bestimmter Einweg-Kunststoffverpackungen ab 1. Januar 2030 (Art. 25 i. V. m. Anhang V).
15. Tatsii, D., Bucci, S., Bhowmick, T., Guettler, J., Bakels, L., Bagheri, G. & Stohl, A. (2024): Shape Matters: Long-Range Transport of Microplastic Fibers in the Atmosphere. Environmental Science & Technology 58 (1), 671–682. DOI: 10.1021/acs.est.3c08209