Mund zu Mund — wie Zigarettenstummel Fische töten

Sonntagmorgen. Ich liege noch ruhig im "Packal" mit meinen Kolleginnen, als ich plötzlich herausgezogen werde. Ich weiß, was kommt — mein vermeintlich kurzes Leben als Zigarette. Angezündet, genüsslich geraucht, und dann achtlos weggeworfen. Wie drei Milliarden —3.000.000.000 — andere “Tschick” in Österreich lande ich in der Umwelt [1]. Das eigentliche Unheil beginnt.

In mir steckt weit mehr, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Obwohl ich nur noch wenige Zentimeter messe, trage ich eine tödliche Fracht in mir: Mikroplastikfasern und die chemischen Rückstände von allem, was beim Rauchen durch mich hindurchgezogen wurde [4]. All das werde ich nun langsam an meine Umgebung abgeben. Wer glaubt, ich sei biologisch abbaubar, irrt sich — ich verweile gerne 10 bis 15 Jahre dort, wo man mich fallen lässt — im Salzwasser bis zu 100 Jahre [5].

Ich finde mich in einem kleinen Bach wieder — es ist, eher war, mal ganz schön was los. Die vielen Fische, die im Wasser ihr Leben verbringen, sind weniger geworden [6]. Zu toxisch, zu tödlich mein Verwesungscocktail — wohl eher unserer. Ich habe einige Bekannte in diesem Bächlein, auch sie leben noch weit länger, als ihre Besitzerinnen es beabsichtigt hatten. Freundinnen von mir haben es sogar bis in entlegene Meeresökosysteme geschafft [7], andere beim Verwelken von Pflanzen zusehen können [8]. Wir fragen uns selbst oft, wie wir das alles machen können, obwohl wir doch scheinbar so unsichtbar sind.

Wir haben Glück — oder wie man das auch nennen mag — so wirklich was gegen uns unternimmt keiner. Man hört immer wieder Gespräche darüber, wie schlecht wir sind und was man alles über uns weiß, trotzdem scheint man uns zu vergessen. Schade eigentlich, weil aus uns könnte man noch so viel machen.

Die EU-Einwegkunststoffrichtlinie verpflichtet Hersteller seit 2023 zur erweiterten Produktverantwortung für Zigarettenfilter [9]. In Deutschland ist seit 2024 ein Einwegkunststofffonds in Kraft, der Kommunen für Reinigungskosten entschädigt [10]. Österreich hat die Richtlinie umgesetzt, aber einen vergleichbaren Fonds bislang nicht eingerichtet [11].

Freiwillige Sammelaktionen — Cleanups, Aufrufe, Kampagnen — lösen das Problem strukturell nicht (genauso wenig wie schwedische Krähen [18]). Leestma et al. zeigen in ihrer Übersichtsarbeit, dass verhaltensbasierte Interventionen allein keine ausreichende Wirkung entfalten, solange kein ökonomischer Anreiz zur Rückgabe besteht [12].

Dass ein Pfandsystem funktionieren kann, zeigt die Datenlage: In einer aktuellen Studie unter Rauchenden in Japan und Indonesien sprach sich eine Mehrheit für ein Pfandsystem aus — und beide Länder bevorzugten ein herstellerverwaltetes Modell gegenüber einer staatlichen Lösung. [3]

Als Blaupause für den deutschsprachigen Raum taugt die Berliner Initiative “Die Aufheber”: Das Konzept sieht vor, dass Rückgebende 20 Cent pro Stummel erhalten, die in einem Taschenaschenbecher als Rückgabeeinheit gesammelt werden [13]. Rückgabestellen wären idealerweise dort, wo Zigaretten verkauft werden — in Österreich also in Trafiken.

Uns wird die Möglichkeit genommen, auch was Gutes beizutragen, in den meisten Fällen zumindest. Mich macht das ziemlich traurig, denn aus meinen alten Freunden aus der Fabrik wurden ganz tolle Sachen gemacht.

Forscher der RMIT University in Melbourne zeigten etwa, dass gebrannte Tonziegel mit 1 % Zigarettenanteil genauso stabil sind wie normale Ziegel und weniger Herstellungsenergie brauchen [16], und entwickelten ein Verfahren, bei dem die Stummel mit Bitumen und Paraffinwachs ummantelt und in Asphalt eingebunden werden, um ein Auswaschen der Chemikalien zu verhindern [17]. Das Unternehmen TerraCycle wiederum verarbeitet die Filter zu Kunststoff-Pellets, aus denen Gießkannen, Transportpaletten, Mülleimer oder Parkbänke entstehen [15].

Ich würde mich freuen, wenn mir geholfen wird, auch mal ein Ziegel oder eine Gießkanne werden zu dürfen. Ich weiß ja, dass wir am Anfang unseres Lebens nicht so viel Schönes verursachen. Ich würde mir trotzdem eine zweite Chance wünschen, etwas gut zu machen. Das scheint ja möglich zu sein, und wie ich von meinen Freundinnen höre, macht das auch glücklich.

Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Zigarettenstummel sind nicht nur das meistweggeworfene Einwegkunststoffprodukt in Österreich [2], sondern ein großes Problem für eine Vielzahl an Lebewesen, der Natur - weltweit. Es besteht dringender Handlungsbedarf, der bereits bei anderen Produkten in die Tat umgesetzt wurde.

Österreich hat 2025 ein Einwegpfand auf PET-Flaschen und Dosen eingeführt [14]. Die Infrastruktur, das politische Argument und die öffentliche Akzeptanz für Pfandsysteme sind also vorhanden. Es fehlt der Wille, denselben Mechanismus auf das meistgefundene Wegwerfprodukt des Landes anzuwenden [2].

Die politische Forderung ist klar: ein struktureller Anreiz statt Freiwilligkeit. Recycling-Optionen für Celluloseacetat existieren bereits — das Material kann zu Kunststoffgranulat aufbereitet werden [15]. Was fehlt, ist die Rückflusslogik. Ein Pfand würde sie schaffen.

Quellenverzeichnis

  1. Umweltbundesamt Österreich (UBA), zit. nach ÖSTERREICH SAMMELT / NÖ Umweltverbände: Littering in Österreich: Neuer Report enthüllt alarmierende Zahlen, 19. Dezember 2025. Online unter: umweltverbaende.at, abgerufen am 08.06.2026.

  2. ÖSTERREICH SAMMELT:1. Österreichischer Littering-Report (PDF). Online unter: drive.vks-gmbh.at, abgerufen am 08.06.2026.

  3. Stri, F., Uehara, T., Tsuge, T., Prima Citta, S. & Asari, M. (2025): Designing a deposit-refund system for cigarette butts: What do smokers care about? In: PLOS ONE, 20(10), e0335205. Online unter: doi.org/10.1371/journal.pone.0335205, abgerufen am 08.06.2026.

  4. Novotny, T. E. & Slaughter, E. (2014): Tobacco Product Waste: An Environmental Approach to Reduce Tobacco Consumption. In: Current Environmental Health Reports, 1(3), 208–216. Online unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4129234/, abgerufen am 08.06.2026.

  5. Register, K. (2000): Cigarette butts as litter — toxic as well as ugly. In: Underwater Naturalist, 25(2), 23–29.

  6. Slaughter, E. et al. (2011): Toxicity of cigarette butts, and their chemical constituents, to marine and freshwater fish. In: Tobacco Control, 20 (Suppl 1), i25–i29. Online unter: doi.org/10.1136/tc.2010.040196, abgerufen am 08.06.2026.

  7. Gago, J. et al. (2018): Microplastics in seawater and zooplankton from the Canary Islands. In: Marine Pollution Bulletin, 127, 64–72. Online unter: https://www.researchgate.net/publication/378915340_Microplastic_and_mesoplastic_pollution_in_surface_waters_and_beaches_of_the_Canary_Islands_A_review

  8. Green, D. S. et al. (2016): Cigarette butts have adverse effects on initial growth of perennial ryegrass. In: Ecotoxicology and Environmental Safety, 124, 32–38. Online unter: doi.org/10.1016/j.ecoenv.2015.09.033, abgerufen am 08.06.2026.

  9. Europäisches Parlament und Rat (2019): Richtlinie (EU) 2019/904 über die Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt. Online unter: eur-lex.europa.eu, abgerufen am 08.06.2026.

  10. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), Deutschland:Einwegkunststofffondsgesetz — Informationen für Hersteller, in Kraft seit 1. Jänner 2024. Online unter: bmuv.de, abgerufen am 08.06.2026.

  11. Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Österreich:Umsetzung der Einwegkunststoffrichtlinie in Österreich (Abfallwirtschaftsgesetz 2002 und Verpackungsverordnung 2014). Online unter: bmluk.gv.at, abgerufen am 08.06.2026.

  12. Leestma, M., Novotny, T. E., Shadbegian, R. et al. (2025): Tobacco product waste cleanups and costs. In: Discover Environment, 3, 43. Online unter: doi.org/10.1007/s44274-025-00234-6, abgerufen am 08.06.2026.

  13. Die Aufheber (Bürgerinitiative, Berlin): Konzept Zigarettenpfand — Zusammenfassung und Pressematerialien. Online unter: zigarettenpfand.eu, abgerufen am 08.06.2026.

  14. Recycling Pfand Österreich gGmbH / Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz:Ein Jahr Einwegpfand. Rechtsgrundlage: Pfandverordnung für Einweggetränkeverpackungen, BGBl. II 283/2023. Online unter: bmluk.gv.at und recycling-pfand.at, abgerufen am 08.06.2026.

  15. TerraCycle:Cigarette Waste Free Recycling Program. Online unter: terracycle.com, abgerufen am 08.06.2026.

  16. Mohajerani, A. et al. (2020): Implementation of Recycling Cigarette Butts in Lightweight Bricks and a Proposal for Ending the Littering of Cigarette Butts in Our Cities. In: Materials, 13(18), 4023. Online unter: doi.org/10.3390/ma13184023, abgerufen am 08.06.2026.

  17. Mohajerani, A., Tanriverdi, Y. et al. (2017): Physico-mechanical properties of asphalt concrete incorporated with encapsulated cigarette butts. In: Construction and Building Materials, 153, 69–80. Online unter: doi.org/10.1016/j.conbuildmat.2017.07.085, abgerufen am 08.06.2026.

  18. GEO / Corvid Cleaning:Schweden setzt auf Krähen als Müllsammler — Start-up trainiert Rabenvögel zum Einsammeln von Zigarettenstummeln. Online unter: geo.de, abgerufen am 15.06.2026.

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